05. November 2018

Seebestattungen an der Nordsee

Abschied am Meer und Farewell heißt Lebwohl. „Seebestattungen sind eine zeitgemäße und herzensnahe Antwort auf den Wunsch eines individuellen Abschieds“, sagt Sven Frener, Geschäftsführer der Neuen Pellwormer Dampfschiffahrts GmbH (NPDG). „Das Weltnaturerbe Wattenmeer mit seinem Atem von Ebbe und Flut ist dafür ein erhabener Ort. Im Augenblick des Fließens und der ewigen Wiederkehr begreifen wir Tod und Leben wieder als untrennbare Einheit – denn hier sind wir zu jeder Zeit gut aufgehoben“ beschreibt Trauerredner Jens-Uwe Jensen den Abschied am Meer, den er auf der M/S Nordfriesland von Tammensiel/Pellworm aus begleitet. „Alle Flüsse fließen in das Meer. Wer zu Hause seine Hand in den Bach oder Fluss hält, hat automatisch Kontakt zur See und damit zum Verstorbenen“, ergänzt Sven Frener, „man kann dem heimatlichen Fluss einen Brief übergeben oder eine Blume, dieser Gruß wird immer ankommen.“

 

Das Meer steht als Sinnbild für die Unendlichkeit. Immer mehr Menschen, die an der Küste leben, sich an einem maritimen Urlaubsort beheimatet fühlen oder durch ihre Freizeitaktivitäten oder ihren Arbeitsplatz eine Verbindung mit dem Meer haben, verspüren den Wunsch, dort in Frieden zu ruhen und entscheiden sich für eine Seebestattung, berichtet Karin Micklisch, Leiterin der Abteilung Seebestattung der Reederei Adler-Schiffe, die Urnenbeisetzungen beispielsweise von Hörnum/Sylt und Nordstrand/Husum aus anbietet.

In Deutschland werden Seebestattungen nach Angaben des Bundesverbandes Deutscher Bestatter e.V. zunehmend beliebter. „Nach unseren Schätzungen gab es in Nord- und Ostsee im vergangenen Jahr fast 20.000 Seebestattungen“, sagt der Generalsekretär des Verbandes, Stephan Neuser. Dies liege daran, dass Menschen durch erhöhte Mobilität bzw. Entfernung zum Familiengrab andere Bestattungsarten statt der üblichen wählen – wie zunehmend die Seebestattung. Eine Seebestattung kann grundsätzlich bei jedem Bestatter bundesweit in Auftrag gegeben werden. 

 

Nicht immer war das so einfach wie heute: „Das Meer ist kein geweihter Boden, war lange kein normaler Ort, um Menschen zu bestatten. Bis zur Reform des Bestattungswesens um die Jahrtausendwende gab es eigentlich nur den Friedhof“, erklärt Oliver Heß, bei der Büsumer Reederei Rahder für Seebestattungen zuständig. „Heutzutage kann dem letzten Wunsch des Verstorbenen stattgegeben werden. Der Trend geht wohl grundsätzlich auch dahin, den Hinterbliebenen nicht zur Last zu fallen – und dass eben individuelle Wünsche, wie der nach einer Seebestattung, respektiert werden und können“, so Oliver Heß. Eine Seebestattung bedeutet für die Angehörigen darüber hinaus keine weitere Belastung, sei es durch Grabpflege oder Kosten dafür. 

Zudem bietet das Schiff einen intimen Rahmen, in dem die Seebestattung und das Zeremoniell individuell gestaltet werden. „Nur die Trauergesellschaft ist an Bord, sie kann sich frei bewegen, man steht nicht eng um ein Grab herum. Jeder kann sich an Deck sein Fleckchen Horizont heraussuchen. Durch die Wellenbewegung fühlt man sich mit der Natur verbunden und die Bestattung fühlt sich lebendiger an. Auch ein plötzlich auftauchender Regenbogen kann als ein Zeichen von Oben gedeutet werden“, berichtet Karin Micklisch. Zudem kämen die Trauergäste oft in normaler Kleidung, schwarze Kleidung sei teilweise nicht gewünscht – auf die letzte Reise soll es mit positiver Stimmung gehen. 

Doch auch Abschied am Meer ist schwer. Jedoch - eine Seebestattung kann auch leichter fallen. Natürlich ist die Stimmung traurig, aber sogar ein befreiendes Lachen war zu hören. Und: „Eine Beisetzung auf See ist persönlich und familiär. Ich glaube, dass sich viele Menschen einen solchen Abschied wünschen“, meint Sven Frener von der NPDG. Und er beschreibt, wie eine Seebestattung abläuft, wenn Kapitän Hans-Werner Matthiesen das Schiff auf See steuert: „Sobald die Urne an Bord ist, wird Halbmast geflaggt. Das ist eine seemännische Tradition, wenn ein Toter an Bord ist. Die Urne steht auf einer Samtdecke, Blumenschmuck liegt auf der Urne, manchmal sind dekorative Stücke wie Muscheln, Taue oder Seile darum drapiert, oft auch Sand, meist mit maritimem Charakter.“ Oder Andenken – wie die Angehörigen es wünschen. 

 

Karin Micklisch von der Reederei Adler-Schiffe berichtet, wie es auf ihren Schiffen (und grundsätzlich) weitergeht: Ist das Zielgebiet erreicht, kommt der Kapitän von der Brücke und hält an der Urne eine seemännische Trauerrede sowie eine Gedenkminute zum Abschied. „Der Kapitän nimmt die Urne und trägt sie an Deck, sagt ein paar persönliche Worte. Sagt Farewell, Lebewohl!“ „Behutsam gleitet die Urne an einem Tau ins Meer. Die Trauergäste haben die Möglichkeit, an der Beisetzungsposition Blumen oder Blütenblätter ins Meer zu werfen.“ Nach Absinken bleibt der Blumenschmuck als Bezugspunkt schwimmen. Ein Ehrenkreis wird gefahren, gern mit musikalischer Begleitung, zum Beispiel mit einem Lieblingslied der/des Verstorbenen. Die Urne verliert innerhalb mehrerer Stunden ihre Formfestigkeit und zerfällt. Die Asche des Verstorbenen wird mit der Strömung fortgetrieben, ebenso die Blüten und Blumen.

Von Büsum fährt die M/S Hauke zum Ort der Seebestattung: „Nachdem Kapitän Jürgen Goebel die Urne an Deck getragen und ein paar Worte gesprochen hat, lässt er die Urne langsam mit dem Seil ins Wasser. Nun ist die Zeit des Innehaltens gekommen. Zu Ehren des von Bord gegangenen Verstorbenen wird die Messingglocke am Ruderhaus vier Mal doppelgeschlagen, dann werden die Blumen in die Nordsee gegeben“, erzählt Oliver Heß. „Die Stimmungen an Bord sind unterschiedlich: traurig oder zuversichtlich, ja manchmal sogar fröhlich. Jetzt findet man einen Abschluss, jetzt muss man loslassen!“ Das viermalige Glockenschlagen verkündet in der Seefahrt das Ende der Wache und symbolisiert mit diesem Schluss den Abschied.

Die Crew von der NPDG berichtet von magischen Momenten: Wenn sich die See während der Beisetzung plötzlich beruhigt, die Wolken aufreißen und das Sonnenlicht über der Nordsee flutet. Und es gab einen Augenblick, deren Erinnerung noch immer eine Gänsehaut bereitet: Ein Ehepaar habe zeitlebens gern Schweinswale an der Nordsee beobachtet, das erzählte der Ehemann, während seine Frau auf See bestattet wurde. „…und während der Zeremonie tauchten tatsächlich ganz viele Schweinswale auf!“

Laut dem Gesetz müssen Urnen zur Seebestattung abbaubar sein, sie besteht aus einer Art natürlichem Gemisch. „Bereits nach zwei Stunden im Meer beginnt sie sich zu zersetzen, nach 48 Stunden hat sie sich vollkommen aufgelöst. Es gibt rund hundert zertifizierte Modelle zur Auswahl“, erklärt Oliver Heß (Rahder/Büsum). Ein Gräberfeld oder einen Urnenfriedhof in der Nordsee gibt es von daher nicht. Außerdem werden nur natürliche Materialien zur Seebestattung verwendet. Selbstverständlich kann eine Seebestattung nicht irgendwo auf der Nordsee stattfinden – Mindestabstand zur Küste und Bestattungsgesetz beispielsweise regeln dies. 

Über den genauen Ort der Beisetzung wird mit Nennung der Koordinaten eine Bestätigung ausgestellt, oder es gibt zum Beispiel aus dem Logbuch einen Auszug. Wo aber gibt es nach einer Seebestattung einen Ort zum Trauern und zum Besuch? Auf Pellworm gibt es am Kaydeich in direkter Nähe zum Leuchtturm einen Gedenkstein, einen kleinen Leuchtturm aus Stein. Einen bleibenden Ort, an den die Hinterbliebenen zurückkehren können. „Auf Wunsch lassen wir den Namen des Verstorbenen eingravieren“, so Sven Frener von der NPDG.

 

Und seitens der Reederei Adler-Schiffe heißt es: „Um dem Verstorbenen nah zu sein, bieten wir ein- bis zweimal pro Jahr öffentliche Gedenkfahrten an, die von einem Trauerredner begleitet werden und bei der die Beisetzungsposition angesteuert wird.“ Auch individuelle Gedenkfahrten sind möglich. Daneben gibt es auf Sylt die Möglichkeit, auf dem Friedhof eine Gedenkplakette anzubringen. „Am Hafen Strucklahnungshörn auf Nordstrand haben wir einen Gedenkstein mit Blick zum Horizont aufgestellt, um einen Ort des Gedenkens zu bieten. Auf einer kleinen Marmorplatte bieten wir den Hinterbliebenen die Möglichkeit, den Namen des Verstorbenen eingravieren zu lassen“, so Karin Micklisch.

Und Oliver Heß hat, neben den jährlichen Gedenkfahrten, einen Tipp: „Durch die Gezeiten wird die Asche des Verstorbenen letztlich um die ganze Welt verteilt. Aber viele Hinterbliebene wünschen sich einen konkreten Ort für ihr Gedenken, wollen Trauer begreifbar machen: Wenn Sie bei ablaufendem Wasser eine Rose von der Ostmole in die See werfen, wird der Ebbstrom sie zum Ort der Beisetzung auf die See hinausziehen.“ Farewell heißt am Meer Lebwohl.

Weitere Informationen: www.nordseetourismus.de/seebestattungen-nordsee