03. August 2019

Wattwanderung nach Blauortsand

Vor den Inseln und Halligen Nordfrieslands sowie vor der Küste Dithmarschens liegen riesige Sandbänke, die bei normalem Tidehochwasser nicht überschwemmt werden. Neues Land taucht aus der Nordsee auf; fragile Gebilde obwohl mitunter Quadratkilometer groß, allein dem Regime von Wind, Wasser und Wellen unterworfen, in ständiger Veränderung. Auf manchen von ihnen gedeiht erstes Leben, Pflanzen wachsen dort und Vögel brüten. Von Hochsänden – oder Außensänden – sprechen die Fachleute.
 
Fasziniert sind diejenigen, die schon dort gewesen sind. Ist ein Besuch doch ein außergewöhnliches Nordsee-Erlebnis; ein exklusives dazu, weil Touren oft – die Gebiete liegen in besonders geschützten Zonen – reglementiert sind. Und auch der Weg dorthin ist Ziel dieser einzigartigen Wattwanderungen. Ganz an den Rand des Wattenmeeres und mittendrin im UNESCO-Weltnaturerbe. Hier zeigt sich die ganze Faszination des Nationalpark Wattenmeer in fast all ihren Facetten, offenbart sich die Dynamik dieser Wildnis, auf Wattwanderungen dorthin erlebt man Nordsee pur.
 
Der Hochsand Blauortsand ist einer dieser Außensände, er liegt rund sechs Kilometer vor der Küste, nördlich von Büsum. Nationalpark-Wattführer Johann Peter „Jan“ Franzen führt Gäste in Absprache mit der Nationalparkverwaltung sechs mal pro Jahr dorthin, ganz weit hinaus in das Watt. Aber: Spielen Wind und Wetter nicht mit, bleibt es beim Blick vom Deich dorthin, wo die Natur mit ihren Elementen ein faszinierendes Spiel treibt. Auch das macht den besonderen Reiz einer Tour zu den Außensänden aus – sie sind nicht einfach eben so „zu machen“.  
 
An diesem Morgen stehen alle Zeichen auf Start: Das Wetter ist stabil und ein mäßiger Ostwind drückt das Wasser noch tiefer fort. Denn nur wenn die Nordsee weit genug abläuft, ist die Exkursion überhaupt möglich. „Denn unmittelbar hier vor der Küste verläuft ein dicker Priel“, erklärt Jan Franzen seinen Gästen, „…und da müssen wir durch, um überhaupt ins Watt zu kommen.“ Priele sind die Flüsse im Wattenmeer, in denen die Flut ein- und ausläuft.  
 
An dieser Stelle, auf Höhe Wesselburen, liegen teils kilometerbreite Salzwiesen zwischen Land und Wattenmeer. Ein seltener, sonderbarer, Lebensraum. Auf dieser Tour lernt man diesen kennen, aber richtig. „Salzwiesen werden oft von der Nordsee überflutet“, erklärt Jan Franzen, „deshalb gibt es in der Salzwiese Pflanzen, die nur hier gedeihen.“ Seltsames Zeug wie den Queller, der Salz speichert und saftig grün und wie kurz vor dem Platzen aussieht. „Probiert mal, der schmeckt richtig gut.“ Im Sommer steht bei wenig Wind manchmal schwüle, schwere Luft über der Salzwiese und man meint zu ahnen, warum sie auch als „Mangroven des Nordens“ bezeichnet werden. Tatsächlich wegen ihrer ungeheuren ökologischen Bedeutung, zum Beispiel als Lebensraum und Kinderstube für Vögel. Franzen weist auf Gelege der Lachmöwen, Silbermöwen und Austernfischer hin. Hier herum wird ein großer Bogen geschlagen, um das Brutgeschehen nicht zu stören. Auch ein Besuch in den Salzwiesen unterliegt deshalb Regeln, die natürlich auch hier und heute befolgt werden.
 
Jan Franzen sucht den passenden Weg hinaus ins Watt, das schon zu erkennen ist. Aber der „Ossengot“, der ist hier irgendwo. Schon stilles Wasser und noch strömendes, tiefe Rinnen, Neptuns Irrgarten. Jan Franzen ist ein großer Mann, doch als er in den Priel hinunter geht, ist von ihm nichts mehr zu sehen. Das Wasser ist weit genug abgelaufen. Und jetzt wird es schmutzig – der Wattführer lotst die Leute hinein; knietief ist der Schlick, manchmal hüfthoch das Wasser. „Ihr drei“, sagt der Wattführer zu größeren, kräftigen Teilnehmern der Tour, „bleibt unten stehen und helft bitte den anderen durch.“ Starke Arme ziehen wieder hinaus. Bald steht die Gruppe im Sandwatt. Dreckig, aber glücklich; geschafft für´s erste.
 
„Büsum Port bitte kommen!“ Franzen hantiert jetzt am Funkgerät. „… Büsum Port kommen. Hier Wattführer eins, ich gehe jetzt mit ….“ Eine solche Tour, sie kann bis zu sieben Stunden dauern und ist mehr als zwanzig Kilometer lang, braucht ein backup. „Ich melde uns bei der Wasserschutzpolizei und auch beim Rettungskreuzer Theodor Storm in Büsum an – die Leute müssen Bescheid wissen, wo und wie viele wir sind. Und wann wir wieder zurück sein werden.“ Das beruhigt ebenso wie die Ausrüstung in seinem Rucksack – Telefon, Seil (damit bei plötzlich auftretendem Nebel niemand verloren geht), Karte und Kompass natürlich. „Und jetzt müssen wir Strecke machen“, sagt Franzen und peilt die Route mit dem Kompass, marschiert los. „Ich muss die Leute zügig von der Kante kriegen“, sagte er mal. Wohl wahr, denn das Loslassen vom Festland ist auch ein psychologischer Moment. 
 
Das Watt liegt als ebene Fläche unter dem hohen Himmel, vorüber ziehende Wolken treiben mit dem spiegelnden Wasser ein Licht-und-Schatten-Spiel, Priele mäandrieren ins Nirgendwo und die Szene ist reduziert – auf Wasser und Land, auf hell und dunkel. „Wir gehen jetzt rund anderthalb Stunden Richtung Südwest, dann gelangen wir an einen großen Priel und biegen nach West ab“, erklärt Jan Franzen. Das Watt ist fest und gut zu begehen. Die Küste verschwindet linkerhand unmerklich, aber stetig. Die Leute lassen los. Je weiter das Festland verschwindet, desto deutlicher erscheint das Ziel am Horizont: Zum Beispiel eine Struktur, ein Turm?, im Nirgendwo. Man mag, hervorgerufen durch Licht und Leere, an eine Sinnestäuschung denken, sieht aber doch ein Seezeichen, eine Bake.
 
„Bevor es Radar und Echolot gab, mussten sich die Seeleute an solchen Zeichen orientieren, um nicht auf den Sandbänken zu stranden oder um das Fahrwasser nach Büsum zu finden“, sagt Franzen. Das da ist die Bake von Blauortsand, dahinter die von Tertiussand. „Die Welt ist hier in ständiger Veränderung. Wind und Wasser halten die Sandbänke in permanenter Bewegung, selbst die großen Sände wie der Blauortsand bewegen sich bis zu 30 Meter pro Jahr.“ Hier draußen, das sind inzwischen fünf Kilometer vor der Küste. 
 
Jan hebt die Grabforke hoch über den Kopf; „…so hoch läuft hier die Flut auf“. Gute drei Meter also. Trotzdem spuken Gebilde wie Blauortsand durch das Wattenmeer und gaukeln Land vor. „Der Blauortsand ist seit rund 200 Jahren bekannt. Den Küstenbewohnern galt diese Sandbank oft als gespenstisch – nämlich dann, wenn dunkle Wolken Schatten auf die Sände dieser Anhöhe warfen“, berichtet Jan Franzen. Und nun erreicht die Gruppe dieses sonderbare Land.
 
Grün im Grau; verloren wie überraschend. Erstes Gras taucht auf, dann ändert sich der Untergrund zu hellem Sand. Schritte knirschen in Muschelschalen, Flutsäume ziehen um den Außensand. Ankommen auf Blauortsand - und in den Gesichtern der Leute? Stolz auf das Geschaffte ist zu sehen, vielleicht Erschöpfung nach drei Stunden Wattwanderung. Hier und dort sogar eine zweifelhafte Erkenntnis, wo man nun gelandet ist – und Blicke auf der der Suche nach einem trockenen Platz, um endlich den Rucksack abzulegen und sich hinzusetzen. Andere wollen gleich wieder aufbrechen, um das Neuland zu erkunden. „Also Leute, hier hinter den Dünen können wir im Windschatten rasten. Wir haben eine gute halbe Stunde Zeit auf Blauortsand.“ In absoluter Einsamkeit. 
 
Es ist eine Robinsonade, Blauortsand zu erkunden - bei normalem Hochwasser liegen zwanzig Hektar trocken. Leichte Sandwälle haben sich gebildet, werden aber auch wieder vom Wind verdriftet und wo kein Gras sie festhält, wandern sie über den Außensand. Entsteigen dem Meer und fallen doch auf der anderen Seite wieder hinein. Am westlichen Ufer ist die Nordsee; kühles, dunkelblaues Wasser, Wellen laufen aus steter, starker Dünung auf Blauortsand auf. Mit etwas Glück kann man sogar Bernstein finden. Am Spülsaum findet sich Treibgut: angespülte Pricken – Äste zur Markierung von Fahrwasser für die Schifffahrt  - und eine Palette, Bretter. Aber auch dies: ein einzelner Turnschuh und im Sand verdorrte Vogelmumien– die nur zu deutlich an die Vergänglichkeit gemahnen.

Und dann: Jan sammelt die Gruppe, denn die Flut kommt. Also heißt es nun: Abmarsch! Letzte Dünen, letztes Gras, bleiben zurück, als der Weg eine Ebene tiefer wieder auf den Meeresboden führt. Zurück bleibt auch Blauortsand wie ein seltsamer Traum. Und dies mit folgenden Gewissheiten – etwas Besonderes und Einzigartiges erreicht zu haben und dass es morgen nicht so sein wird, wie es heute noch war.  Wieder geht es zwei Stunden über den Meeresboden. Blauortsand wird zur Erinnerung je näher, deutlicher, das Festland wird. Erste Bienen summen über dem Watt, ein Schmetterling tanzt durch den Sommerwind, es riecht nach Feuer. Die Kante kommt, das Festland ist schon zu spüren und scheint zum Greifen nah. Und ist trotzdem – noch! - unerreichbar. Wer erinnert sich an den Ossengot? Der  Gezeitenstrom versperrt den Weg, aber es fließt nur wenig Wasser darin. Nur wenn das Wasser noch weit genug abgelaufen ist, kommt man hier durch. 
 
Wieder sucht Jan Franzen nach einem Weg. Es ist – von unten betrachtet ein Wirrwarr, von oben gesehen ein sich immer feiner verästelndes Geflecht - aus Wasserläufen zwischen Sandbänken, die ebene Fläche zerfällt wieder in einen Irrgarten aus tiefen Prielen in wilden Kurven, es sieht aus wie ein kleines CanyonLand. Durch das die Nordsee bald unaufhaltsam strömen wird. Die Spuren der Leute verlieren sich im Nirgendwo und sind bald fortgespült. Jan Franzen steht unten im Ossengot. „…drei Leute bleiben bitte unten stehen und dann helft ihr bitte den anderen!“ Da muss man durch. 
 

  • Nächste Termine Wattwanderung nach Blauortsand: 09.08.2019, 10:00 Uhr 26.08.2019, 10:00 Uhr 08.09.2019, 10:00 Uhr 24.09.2019, 10:00 Uhr

 
Informationen & Anmeldung: www.reiseservice-franzen.de  
 
Weitere Informationen zu Naturveranstaltungen im Wattenmeer: www.nordseetourismus.de/naturveranstaltungen